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Eine schöne Bepflanzung ist Teil der Trauerarbeit

 

Friedhöfe sind mehr als nur Stätten des stillen Gedenkens. Vor allem in Städten sind sie auch Orte der Ruhe und wichtige Grünzonen. Warum ein schönes Grab für die Hinterbliebenen so wichtig ist und wie sich die Friedhofskultur ändert, darüber sprach Petra Pauli mit dem Esslinger Gärtner und Vorsitzenden der Genossenschaft Württembergischer Friedhofsgärtner, Knut Mergenthaler.

Sehen Gräber heute anders aus als vielleicht noch vor 20 Jahren?

Knut Mergenthaler: Das Friedhofsbild hat sich deutlich verändert. So gibt es inzwischen mehr Grünfläche. Das liegt vor allem an einer anderen Friedhofskultur. Oft werden die Gräber nach Ablauf nicht mehr verlängert. Und andere Bestattungsformen wie Feuerbestattungen, Urnengräber und Urnengemeinschaftsanlagen nehmen immer mehr zu. Auch Baumgräber, bei denen Urnen am Fuße eines Baumes die letzte Ruhe finden, werden immer beliebter. Damit geht natürlich ein Stück traditioneller Friedhofskultur verloren. Außerdem werden die Unterschiede in der Ausgestaltung immer größer: Entweder sind Gräber auffallend schlicht oder sie sind als großzügige, individuell gestaltete Blumenbeete angelegt.

Warum ist ein schön gepflegtes Grab so wichtig für die Angehörigen?
Mergenthaler: Die Grabstelle schön zu gestalten, kann ein Beitrag zur Trauerbewältigung sein. Für die Angehörigen ist es beruhigend zu wissen, dass es einen Ort gibt, zu dem sie jederzeit gehen und dort innehalten können.

Pflanzen gießen, Unkraut entfernen – die Grabpflege macht auch viel Arbeit. Welche Unterstützung gibt es?
Mergenthaler: Wir Friedhofsgärtner sind sehr flexibel und gehen individuell auf die Wünsche der Kunden ein. So bieten wir mit der Dauergrabpflege einen Rundum- Service an, mit dem das Grab immer gepflegt aussieht. Wer sein Grab lieber selbst bepflanzt, dem bieten wir auch unsere Hilfe an. So können wir Pflanzen oder Erde direkt auf den Friedhof liefern oder beim Gießen im Hochsommer oder während des Urlaubs unterstützen.

Wenn Angehörige unschlüssig sind, wie das Grab aussehen soll: Welche Tipps kann man ihnen geben?
Mergenthaler: Ich frage die Kunden, was sie sich vorstellen könnten und lote so ihre Wünsche aus. Am besten ist es aber, wenn man ihnen zeigt, was alles möglich ist. Viele Gärtner haben deshalb Mustergräber angelegt. Ich selbst gehe mit den Angehörigen auch gerne über den Friedhof und weise sie auf die verschiedenen Möglichkeiten von Grabbepflanzungen hin. Sehr schön ist es zum Beispiel, wenn sich die Farbe oder auch die Form des Grabsteins in der Bepflanzung widerspiegelt. Für Menschen, die sehr jung gestorben sind, oder für das Grab einer Frau eignen sich meiner Ansicht nach vor allem liebliche Farbtöne wie die der Vergissmeinnicht, Hornveilchen oder der Bellis.

Gibt es Menschen, die schon zu Lebzeiten regeln, wie ihr Grab bepflanzt werden soll?
Mergenthaler: Es gibt durchaus Menschen, die lieber alles selbst ordnen. Für die gibt es einen Vorsorgevertrag, der die Dauergrabpflege regelt. Dafür wendet man sich an den Gärtner vor Ort, der das Grab später einmal pflegen soll. Die Verwaltung übernimmt dann die Genossenschaft. In einem solchen Vertrag kann der Kunde seine Wünsche genau festschreiben lassen, etwa welche Farbe dominieren soll, Lieblingsblumen oder welche Pflanzen er überhaupt nicht mag.

Darf man sich über solche Wünsche hinwegsetzen, etwa wenn klar ist, dass die Person nicht ihre Vorlieben formuliert hat, sondern nur darum bemüht war, den Hinterbliebenen möglichst wenig Arbeit zu machen?
Mergenthaler: Mir persönlich ist dieser letzte Wille des Kunden sehr wichtig und das Grab sollte später auch so aussehen, wie er es sich zu Lebzeiten ausgemalt hat. Ich finde, das sollten auch die Angehörigen respektieren.

Vergissmeinnicht oder rote Rosen – Blumen vermitteln auch Botschaften. Spielt die Symbolik der Pflanzen heute noch eine Rolle?
Mergenthaler: Die Pflanzensymbolik war bereits in der frühen Geschichte der Menschheit von Bedeutung, ist aber heute nicht mehr ganz so präsent. Wo es passt, versuchen wir unsere Kunden auf die Bedeutungen hinzuweisen, die man mit den Blumen und anderen Pflanzen verbindet. Ich halte es für die Aufgabe eines Fachbetriebs, dass er an Traditionen festhält und diese pflegt. Die Friedhofskultur ist in einem großen Wandel begriffen, und auch wir Friedhofsgärtner gehen mit der Zeit. Dennoch wollen wir auch bewahren: Denn nach wie vor ist es so, dass die Arbeit von Gärtnern die Menschen ein ganzes Leben lang, von der Taufe bis zum Tod, begleitet.
 

 



Warum ein Grabstein wichtig für den Trauerprozess ist

Sich mit der Frage zu beschäftigen, wie das Grab des Verstorbenen aussehen soll, fordert von den Hinterbliebenen viel Kraft. So schmerzhaft diese Auseinandersetzung ist, sie ist auch Teil der Trauerbewältigung, sagt der Stuttgarter Steinmetz und Bundesinnungsmeister der Steinmetze, Gustav Treulieb, im Gespräch mit Petra Pauli.

Warum ist ein schön gestalteter Grabstein so wichtig für die Hinterbliebenen?

Gustav Treulieb: Viele Menschen entscheiden sich heute für alternative Beisetzungsarten wie Friedwald, Seebestattung, anonymes Grab oder Ähnliches und verzichten bewusst auf ein sichtbares Gedenkzeichen. Wer ein gut gestaltetes, individuelles Grabzeichen in Auftrag gibt, möchte seinem Verstorbenen ein unverwechselbares Denkmal setzen – ein Zeichen, das stellvertretend für den Verstorbenen steht, ein Zeichen, das ihm gerecht wird. Die Auseinandersetzung mit der Gestaltung, mit der Formfindung, der Materialwahl, der Steinbearbeitung fordert die Hinterbliebenen in hohem Maße und ist Teil des Trauerprozesses. Ein gut gestalteter Grabstein macht das Grab zu einem Ort, der bei der Trauerbewältigung hilft.

In Deutschland gibt es für fast alles Regeln. Inwieweit sind der individuellen Gestaltung Grenzen gesetzt?
Treulieb: Jede Kommune hat ihre eigene Friedhofssatzung, in der auch Bestimmungen über die Gestaltung der Grabzeichen festgelegt sind. Das sind zum Beispiel Vorschriften über maximale Steingrößen, aber auch die Bearbeitung der Steine, ob sie poliert oder nicht poliert sein müssen. Auch die zulässigen Materialien sind geregelt durch die Friedhofssatzung. Aber wenn man heute über Friedhöfe geht, stellt man fest, dass wir heute eine Vielfalt an Grabmalen finden, die bis in die 80-er Jahre nicht denkbar gewesen wäre. Friedhofskultur stellt sich heute vielfältiger und lebendiger dar denn je. Dem tragen auch die Friedhofsbetreiber bei der Genehmigung von Grabzeichen Rechnung.

Gibt es Menschen, die sich schon zu Lebzeiten damit beschäftigen, wie ihr Grab später einmal aussehen soll?
Treulieb: Vorsorge ist heute ein Thema für eine Generation, die selbstbestimmt auch die Zeit nach ihrem Ableben regeln möchte. Die Steinmetz und Bildhauer Genossenschaft „Netzwerk Stein“ und auch die Genossenschaft Württembergischer Friedhofsgärtner verwalten eine große Zahl an Vorsorgeverträgen, in denen die Gestaltung der Grabanlagen nach dem Tod der Auftraggeber genau festgelegt ist. Mit einem Vorsorgevertrag können die Angehörigen von der Verantwortung für ein Grab weitestgehend entbunden werden.

Vor allem wenn ein Angehöriger überraschend stirbt, ist der Schock groß. Haben Trauernde in dieser Situation die Kraft, sich um die Grabgestaltung zu kümmern?
Treulieb: In der Regel vergeht einige Zeit, bis man sich mit der Grabgestaltung befassen muss. Bei einer Erdbestattung setzt man den Stein nach etwa einem Jahr, bei einer Urnenbeisetzung kann die Steinsetzung sofort erfolgen. Für den richtigen Zeitpunkt gibt es keine allgemeingültige Regel, dafür kann man auch keine Empfehlung aussprechen. Die Hinterbliebenen haben normalerweise selbst ein gutes Gespür, wann der Zeitpunkt für sie richtig ist.

Urnen mit der Asche Verstorbener zu Hause aufzubewahren oder im eigenen Garten beizusetzen, ist in Deutschland nicht erlaubt. Doch viele Menschen suchen nach Lösungen, um die Erinnerung an Verstorbene zu Hause lebendig werden zu lassen. Welche Erinnerungszeichen zur privaten Trauer gibt es?
Treulieb: Ein solcher Wunsch ist an mich noch nicht herangetragen worden. Aber wenn jemand ein Zeichen für zu Hause möchte, kann man etwa einen Kiesel mit dem Namen des Verstorbenen anfertigen lassen.